Human in the loop war ich schon immer
Warum spätes Lernen mit KI kein Nachteil ist, sondern ein Vorsprung.
Ein Kaffee und große Augen
Mein Kollege saß an seinem Rechner und seufzte. Er musste den Außendienst neu sortieren: Kunden verschieben, Gebiete neu zuordnen, Fahrtzeiten prüfen. Google Maps war schon offen. „Den Rest des Tages bin ich damit beschäftigt“, sagte er. „Und fertig werde ich heute bestimmt nicht.“
Ich habe ihn gefragt, ob wir erst mal einen Kaffee trinken wollen. Und ob ich ihm zeigen soll, wie das mit KI geht. Schritt für Schritt, in 20 Minuten, inklusive Kontrolle.
Da wurden die Augen groß.
In diesem Moment ist bei uns im Büro etwas gekippt. Nicht durch eine Schulung, nicht durch eine Präsentation, sondern durch einen Kaffee und ein echtes Problem. Darum geht es in diesem Text: wie ich als Spätstarter mit KI arbeiten gelernt habe. Und warum meine Erfahrung dabei kein Ballast war, sondern das wichtigste Werkzeug.
Zehn Minuten statt ein Tag
Mein erster ernsthafter Kontakt mit KI war unspektakulär. Ich kam mit einer Excel-Tabelle nicht weiter. 10.000 Zeilen Artikelverkäufe, die ich für den Außendienst drehen und aufbereiten musste. Von Hand hätte ich dafür einen ganzen Tag gebraucht, mit allen Gegenkontrollen.
Mit KI waren es zehn Minuten. Ich musste nur noch verifizieren.
Dieses „nur noch verifizieren“ klingt nach einer Nebensache. Es ist aber der Kern. Ich hatte die groben Absatzzahlen im Kopf: Dieser Artikel liegt bei 20.000, jener bei 5.000. Wäre da ein falscher Ausreißer gewesen, wäre ich drübergestolpert. Das weiß man nicht aus einem Handbuch. Das weiß man, weil man jahrelang mit diesen Zahlen gearbeitet hat.
In der KI-Welt nennt man das „Human in the loop“: Ein Mensch prüft, was die Maschine liefert. Ich musste darüber schmunzeln. Human in the loop war ich irgendwie schon immer.
Ehrlicherweise: Mit Zahlen hat das damals schon gut funktioniert, mit Bildern eher nicht. Bei Verpackungen habe ich die KI deshalb nur für Texte genutzt. Die Gestaltung lief weiter über Lieferanten und Agenturen, auch weil viele Kunden ihre eigenen Agenturen hatten. Heute lassen sich Mockups per Chat in Minuten visualisieren. Die Werkzeuge haben aufgeholt.
Prompten ist Verhandeln
Mit der KI hat sich meine Rolle verschoben. Früher habe ich die Arbeit von Agenturen kontrolliert. Heute kontrolliere ich das Ergebnis meiner eigenen Arbeit, die die KI für mich vorbereitet. Anders, aber schneller. Ich wurde nicht ersetzt. Ich habe nur die Position am Tisch gewechselt.
Damit das funktioniert, habe ich mich damit beschäftigt, wie KI „denkt“ und welche Argumente sie braucht. Die wichtigste Erkenntnis kam aus einer Ecke, mit der ich nicht gerechnet hatte: aus dem Einkauf.
Ich muss das Ziel der Arbeit glasklar vor Augen haben, um die richtigen Fragen zu stellen. Wie beim Verhandeln: Der Kunde will einen besseren Preis, mein Ziel ist, meinen Preis zu halten. Wer ohne Ziel in eine Verhandlung geht, wird geführt. Wer ohne Ziel mit einer KI spricht, auch.
Das ist für mich der eigentliche Punkt dieses Textes. Gutes Prompten ist kein Technikwissen. Es ist Verhandlungs-, Führungs- und Fachwissen in neuer Form. Und genau das haben Menschen mit 30 Jahren Berufserfahrung im Gepäck.
Wenn keiner nach dem Ergebnis fragt
Wie es ohne Ziel läuft, habe ich erlebt, als in unserem Unternehmen Copilot freigegeben wurde. Ohne Einführung, ohne Regeln.
Alle haben damit rumgespielt. „Schreib mir einen Text.“ „Schau mal auf diese Datei.“ Keiner hat nach einem Ergebnis gefragt, keiner nach einer Technik. Die einfache Frage und die naturgemäß schlechte Antwort haben den Rest erledigt.
Das lag nicht am Werkzeug. Es lag am fehlenden Ziel.
Bevor das zu sehr nach Besserwisser klingt: Ich bin in dieselbe Falle getappt. Ich wollte mit Copilot eine Präsentation erstellen, eigentlich eine einfache Sache. Ich hatte 45 Minuten Zeit. Das hätte ich auch mit meinen PowerPoint-Kenntnissen geschafft.
Dann kam alles anders. Ich hatte in den Einstellungen nichts hinterlegt, und Copilot stellte mir lauter selbstverliebte Fragen zu Designs und Inhalten. Ich habe geantwortet, die Zeit vergessen und war am Ende nicht fertig.
Zeitsparen kann auch nach hinten losgehen. Die Lehre daraus ist dieselbe wie beim Verhandeln: Wenn ich nicht führe, führt die KI.
Lernen ohne Abkürzung
Wie ich mir das angeeignet habe? Ich habe zwei Online-Kurse belegt, einen zu Claude und einen quer durch die gängigen Werkzeuge: ChatGPT, Claude, Gemini, Perplexity und einige mehr. Der Rest war Ausprobieren im echten Arbeitsalltag.
Zwei Dinge habe ich daraus mitgenommen. Erstens: Für fast jede Aufgabe gibt es ein spezialisiertes Werkzeug. Mit den Generalisten wie Claude und ChatGPT ist man für den Alltag aber sehr gut aufgehoben. Man muss nicht alles kennen.
Zweitens: In den letzten sechs Monaten ist mehr passiert als in den fünf Jahren davor. Da muss man am Ball bleiben. Das gilt für mich genauso wie für jeden anderen. Fertig gelernt hat hier niemand, auch nicht die Jüngeren.
Dann kam der nächste Schritt. Ende 2025 endete meine Festanstellung. Ich habe die Zeit genutzt und mich für die Weiterbildung zum KI-Manager entschieden. Im Oktober 2026 habe ich sie mit „sehr gut“ abgeschlossen.
Seitdem kann ich nicht nur aus der Praxis erzählen, sondern auch fachlich über KI referieren. Und Menschen noch besser in den Umgang mit KI bringen. Das ist jetzt, neben meiner Erfahrung, meine neue Profession.
Was ich einer Kollegin mit 55 sagen würde
Neulich sagte mir eine Kollegin, seit 30 Jahren im Job: „KI ist nichts mehr für mich. Das sollen die Jungen machen.“
Meine Antwort:
„Schatzi, grade für dich ist und wird KI immer wichtiger. Deine Erfahrung haben die Jungen ja nicht. Die machen mit KI teils handfeste Fehler, weil sie oft nicht abschätzen können, ob die Ergebnisse der Realität entsprechen. Die KI-Systeme werden zwar immer besser, aber dein Bauchgefühl lässt sich durch nichts ersetzen. Lass uns zusammen schauen, wie wir deine KI am Arbeitsplatz so einrichten, dass du damit gute Ergebnisse erzielst, nicht nur das Wetter von übermorgen oder einen Grußkartentext für den erfolgreichen Azubi.“
Das ist die ganze Botschaft. Wer spät mit KI anfängt, fängt nicht bei null an. Er bringt das mit, was die Maschine nicht hat: Urteilsvermögen, Zahlengefühl und die Erfahrung, was am Ende wirklich zählt.
Wie steht unsere Generation zu KI?
Mich interessiert, wie andere aus unserer Generation das sehen. Deshalb gibt es hier ein kurzes Quiz zu KI im Arbeitsalltag. Anonym, ohne Anmeldung, ohne E-Mail-Adresse. Am Ende zeigt es den eigenen Stand, und mir zeigt es, wie es unserer Generation insgesamt mit KI geht.
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